Hochbegabung – eine Gabe oder Bürde für die betroffenen Kinder?
26. Januar 2015
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Wie lernt das Hirn? Lernforscher sehen in Hirnforschung kaum Hilfe

Der Streit zwischen Hirn- und Lernforschern dreht sich seit jeher um ein und dieselbe Frage: Lassen sich Erkenntnisse aus der Hirnforschung dazu verwenden, um bei Kindern im Unterricht effektiv bessere Ergebnisse zu erreichen? Während Hirnforscher dies klar bejahen, warnen Lernforscher vor überhöhten Erwartungen. Es müsse, so sagen Letztere, vielmehr zwischen Geist und Gehirn unterschieden werden. Zwar sei das Gehirn sicherlich das wichtigste Organ beim Lernen, aber letztlich lerne das Lebewesen und nicht das Gehirn. Lernforscher nehmen deshalb nicht die Hirnforschung, sondern die Kognitionswissenschaft als Grundlage ihrer Arbeit.

Transmitter im Gehirn vs. Matheaufgabe lösen
Die Erkenntnisse aus der Hirnforschung sind laut Lernforschern noch zu rudimentär, als das sie wirkliche Hilfen für Lernfortschritte darstellen. Denn nur weil Hirnforscher beispielsweise einen neuen Transmitter im Gehirn entdecken, wissen Lernforscher immer noch nicht, wie Lehrer Mathematik besser vermitteln können. Wenn man aber kognitionswissenschaftliche Konstrukte wie das „Arbeitsgedächtnis“ zu Grunde legt, dann kann man damit immerhin schon mal erklären, warum die Ausführungen des Lehrers nicht einfach von den Schülern übernommen werden. Bislang sei es auch noch nicht mal im Ansatz möglich, eine zufriedenstellende Angabe darüber zu machen, worin sich das Gehirn eines Schülers, der eine bestimmte Mathematikaufgabe lösen kann, vom Gehirn eines Schülers unterscheidet, der sie nicht lösen kann.

Emotionen sind kein Hirnkonstrukt
Zwar hat die Hirnforschung inzwischen u.a. herausgefunden, dass Emotionen beim Lernen eine wichtige Rolle spielen, dass also z.B. positive Gefühle das Lernen beflügeln können. Doch Lernforscher entgegnen, dass Emotionen kein Hirnkonstrukt sind. Der Mensch kenne weder den Transmitter für Emotionen noch gäbe es Zentren im Gehirn, denen wir Emotionen klar zuordnen können. Sicherlich gibt es bestimmte Hirnzustände, die gewisse Emotionen auslösen. Aber auch hier komme man nur weiter, wenn die Forschung auf der Geist-Ebene zunächst einmal Emotionen beschreiben und abgrenzen kann. Das habe jedoch nichts mit Hirnforschung zu tun, sagen Lernforscher; Hirnforschung könne höchstens in Fällen, in denen es sehr starke Läsionen im Hirn gibt, spezifische emotionale Probleme ausfindig machen.

Wie ein altes Radio, auf das man haut
Wenn jemand z.B. starke Angstzustände hat, dann weiß man ungefähr, mit welchen medikamentösen „Hemmern“ man darauf reagieren kann. Aber die häufig beachtlichen Nebenwirkungen dieser Präparate zeigen eben auch, wie diffus sie wirken. Wenn die Medizin Angst oder Depressionen hirnphysiologisch viel besser fassen könnte, dann könnten die Medikamente auch viel gezielter darauf einwirken. Aber momentan ist es mit den Psychopharmaka eher so wie mit einem alten Radio, auf das man von oben draufhaut, wenn es rauscht – in der Hoffnung, dass der Empfang dann besser wird. Klar, immer noch besser als gar nichts, aber das macht laut Lernforschern deutlich, wie wenig wir über die Beziehung zwischen Geist und Gehirn wissen.

In der Pubertät stellt sich das Gehirn um
Seit einiger Zeit weiß die Hirnforschung, dass es in der Pubertät zu einigen Umstellungen im Gehirn kommt, die auch nachweisbar sind. Diese Erkenntnis war für Lehrer, Eltern und Schüler sicherlich wichtig, aber laut Lernforschern auch nicht sonderlich neu. Auf der Verhaltensebene war dies schließlich schon lange bekannt, dass es in der Pubertät zu Veränderungen kommt. Hier bestätigt und präzisiert also die Hirnforschung Dinge, die aus den Verhaltenswissenschaften bekannt waren. Aber warum manche Kinder in der Pubertät gleich kriminell werden und andere nicht, kann derzeit auch die Hirnforschung nicht erklären.

Große Fortschritte bei Bienen
Hirnforscher seien laut Lernforschern derzeit noch dabei, die komplexen Gesetzmäßigkeiten einer klassischen Konditionierung, wie wir sie durch den Pawlow‘schen Hund kennen, abzubilden. Große Fortschritte mache man bei den Bienen. Das zeige aber auch recht deutlich, wie weit die Hirnforschung derzeit ist, wenn es um Lernen gehe.